Mutmoment (5): Gestatten? Narzisstenkind.

Wikipedia schreibt: Narzisstische Eltern missachten häufig persönliche Grenzen und wenden emotionale Gewalt an, um das Kind so zu manipulieren, dass es den elterlichen Erwartungen entspricht. Sie sind meist unflexibel und es fehlt ihnen die notwendige Empathie für die Erziehung von Kindern. So weit, so theoretisch.

Praktisch heißt das für mich - so habe ich es am 7. Dezember 2020 zusammengefasst:

Wenn du einen realen Terroranschlag live miterlebt hast, wenn du vor Schüssen um dein Leben gelaufen bist und es nicht der schlimmste Tag deines Jahres war, weil du immerhin noch rennen konntest, während der Terror den du noch erlebt hast, dich zur Salzsäule erstarren und völlig bewegungsunfähig werden ließ, ist etwas faul an deiner Familie.

Ich vermute, es ist die Phase, in der mein Körper langsam bemerkt, dass ich aus der akuten Retraumatisierung erstmal draußen bin. Keine tägliche Angst mehr, womit er mich heute wieder bedrohen oder erpressen könnte, weil er als mein Arbeitgeber und Vater genügend Machtinstrumente hat, die er nach Belieben missbrauchen kann und das auch tut.



Es ist die Phase, in der ich merke, dass sie weg sind, weil sie auch niemals wirklich da waren. Dass sie nicht um unsere Beziehung kämpfen werden. Dass sie nicht einmal bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, oder zuzugeben, dass sie Fehler gemacht haben, nicht Willens und in der Lage sind, auch nur eine minimale Entschuldigung zu formulieren. Bevor sie das tun, nehmen sie die absolute Trennung in Kauf. Read that again, brain. Read that again, heart.



Ich musste knappe 20 Kilo zunehmen um das Gefühl zu haben genug Masse zu besitzen, um mich der Wut und der Aggression meines Vaters entgegenzustellen. Ich kann bis heute nicht einmal den Gedanken aushalten, meiner Mutter im physischen Angesicht zu widersprechen. Ich träume von einer schalldichten Cellophanfolie, die sich über meine Lippen spannt und die alles, was mein Körper an Schmerz verbalisieren will, zurückhält.




...und plötzlich ist nichts wie es war.

Ich bin orientierungslos. So viel Grundsätzliches, das ich über das Leben, über Beziehungen und Werte gelernt habe, kann und will ich nicht mehr glauben. Doch was ist wahr? Was ist wahrhaftig? Was ist echt? Wo ist der Weg? Wo ist mein Weg? Meine innere Kompassnadel dreht und dreht und dreht sich, wird mal langsamer und deutet eine Richtung wenn die Hoffnung durchschlägt und beginnt schnell wieder zu rotieren, wenn die Angst gerade siegt.


Mein Gefühl ist trügerisch und im Moment oft kein guter Ratgeber. Ich kann mir selbst nicht vertrauen. Was kann ich? Was will ich? Was macht Sinn für mich? Wozu bin ich denn da, überhaupt? All die Fragen, auf die ich in den letzten Jahren dachte, endlich Antworten gefunden zu haben, schweben nun wieder im Raum, alle auf einmal, gleichzeitig, sie schreien mich an und es gibt keinen Halt da draußen, in der Welt.



Ich bin innerlich wieder dumpf, stumpf und taub geworden, musste diese magische Verbindung zu meinen Gefühlen, die der 5. Juli 2019 mit so einem Paukenschlag repariert hatte, wieder unterbrechen um zu überleben und rudere Tag für Tag, um aus der gallertartigen Atmosphäre des Überlebensmodus wieder an die Oberfläche zu kommen, wo ich Licht wieder klar sehen und Musik wieder deutlich hören kann.


Das Alte loslassen war richtig und notwendig um mich selbst nicht zu verlieren, dennoch war es unfreiwillig viel auf einmal, zuviel, um es verarbeiten zu können. Jede Säule, die mein Leben gestützt hatte, ist entweder eingestürzt oder ich musste sie abtragen, bis da nichts mehr war außer die weite Ebene durch die der Wind pfiff. An wie vielen Säulen kann man gleichzeitig bauen ohne den Verstand zu verlieren?



Darauf kenne ich keine Antwort und vielleicht ist es auch besser so. Also mache ich weiter, jeden Tag, in der Hoffnung, in dem Adventure Game meines Lebens durch die Hauptquest nicht die Puzzlesteine am Wegesrand zu verpassen, die letztlich die Qualität des Spiels ausmachen und versuche mich wieder dran zu erinnern, dass das Leben eine Reise und kein Wettrennen und schon gar keine klare Linie zum Ziel ist, denn das Ziel wäre das Ende und das Ende sollte noch ein wenig auf sich warten lassen.